Portraet1kl
Kurt Müller 1937

Seinen jüdischen Freunden hat er (genau wie seine Mutter) zu allen Zeiten die Treue gehalten, wie sehr auch sein Parteibeitritt 1938 zur Unterstellung des Gegenteils provozieren mag,  und mit ihnen während der Nazizeit nicht nur Kontakt gehalten, sondern sich stets aktiv bemüht, sie vor Übergriffen zu schützen. Nach seinem Tod wurde dies vom einzigen Mitglied der Familie Wolf, das Nazizeit und Holocaust überlebte,

Grete Ullman geb. Wolf

, in ihren Briefen aus den USA an Kurt Müller jun. wiederholt hervorgehoben. Sie schrieb, mit der Familie Müller habe sie wahre und gute Freundschaft erlebt, auch die Nazizeit hindurch, wie sie sie später woanders nie mehr erfahren habe! In diesem Handeln kommt seine ganze Haltung zum Nazistaat zum Ausdruck, für die es noch etliche weitere Beispiele gibt (z.B. die Freundschaft mit einem auf riskante Weise offen regimefeindlichen lesbischen Paar).

 

Der offensichtlichste und wichtigste Grund für diese Zäsur war, dass es für sein literarisches und künstlerisches Potential in der Nazi-Wüste der Unterdrückung und Unkultur, der geächteten, verfolgten, zerstörten Kulturszene, der verbotenen Zeitschriften, keine Entfaltungsmöglichkeiten mehr gab.  Ein weniger offensichtlicher Grund lag darin, dass Kurt Müller im Konflikt zwischen dem Bedürfnis nach einem durch seine persönlichen Leitbilder geprägten, insbesondere künstlerischen Berufsweg und der Sorge um die Familie (damals zunächst v.a. um seine Mutter) letztlich der Familie den Vorrang gab. Diese sein Handeln unter der Hitlerdiktatur mitbestimmende Weichenstellung vollzog sich ansatzweise schon vor der Nazizeit, und sie schuf die Voraussetzungen dafür, dass später der Druck der Machthabenden seine Hebel um so effektiver ansetzen konnte. Sie ebnete so den bald folgenden Zwängen und Abhängigkeiten den Weg.
 
Schon der Abschied von Amerika 1931, nach seinem einjährigen

USA-Aufenthalt

, bedeutete für ihn einen Abschied vom persönlichen Traum von Freiheit und die Rückkehr unter die Bürde der Verantwortung. Sein ganzes Erwachsenenleben hindurch hatte ihn, angesichts der nach 1918 wirtschaftlich stets unsicheren Lage der Familie, wie eine Obsession die angstvolle Vorstellung verfolgt, später ganz allein

Mutter

und

Schwester

ernähren zu müssen. Die Heirat der Schwester 1929 war dann, wie er oft erzählte, für ihn zunächst wie eine Erlösung, unvermutet, denn er hatte nie an eine Heirat geglaubt.  Den anderen Teil der Verantwortung aber, die Sorge für die Mutter, sah er weiterhin und immer deutlicher auf sich zu kommen, und mit dem Tod des Vaters 1932 wurde die Bürde Wirklichkeit. Die zu diesem Zeitpunkt 49jährige Mutter war mittellos und berufslos, ihr Sohn betrachtete es als ganz allein seine Aufgabe, für sie zu sorgen. Dass auch sie - ein zweites Mal - heiraten würde, war zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellbar, und dass sie ihren Lebensunterhalt irgendwie selbst würde verdienen können, scheint noch weniger vorstellbar gewesen zu sein. Seine Verantwortung band ihn, er war gebunden und unterwarf sich der Pflicht, so wie er sie als unausweichlich erlebte.
 
Dann kam die

Nazidiktatur

,  ihre totalitäre Herrschaft über öffentliches und privates Leben. Das Joch, vor dem ihm graute, dem er sich aber nun auch beugen zu müssen glaubte, als Konsequenz der Zwänge, denen er bereits unterworfen war. Mit den Nazi- Protagonisten, dieser hasszerfressenen, größenwahnsinnigen, bildungsfeindlichen und vor Dummheit strotzenden Minderheit (ohne damit die vielfältigen Motive der kleinen Nazis, der Zu- und Mitläufer pauschal dämonisieren zu wollen), hatte er, auch wenn ihn der spätere Parteibeitritt selbst zum Nazi zu stempeln scheint, nichts gemein. Das fratzenhafte Zerrbild deutscher Kultur, das sie der ganzen Nation überstülpten und mit dem sie sie nach und nach vergifteten, stand in vollkommenem Gegensatz zu seiner Kultur und ethischen Haltung. Die Naziprotagonisten waren (wahre) moralische und intellektuelle Krüppel (und ertrugen den Anblick von "Krüppeln" nicht...),  sie propagierten das - monströs pervertierte - "Edle und Reine", aber hassten in Wahrheit nichts so sehr wie das Edle und Reine, das zu sich hinab in den Schmutz zu ziehen ihnen tiefste Befriedigung bedeutete. Solche Triebe waren Kurt Müller fremd. Auch seine Herkunft aus einer sozialdemokratisch (und sozial) engagierten, liberal denkenden Unternehmerfamilie trug dazu bei. Noch mehr entrückten ihn seine "Lehr- und Wanderjahre" derartigen Motiven, als "Hospitant" bei kommunistischen Freunden,  im Schoß einer weltoffen-fröhlichen Gruppierung junger Christen und schließlich auch im turbulenten Milieu der kulturell-künstlerischen Avantgarde der 20er Jahre.

"Wie ein Schwamm" hatte er ja schon als Jugendlicher die ganze klassische deutsche Kultur und Literatur ("seinen Goethe") in sich aufgesogen und blühte dann auf, als "Multitalent" zeichnend, malend, schreibend, manchmal auch singend zur Gitarre, in der kulturellen Explosion des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts, v.a. der

Zeit nach 1919

(auf einer

separaten Seite

ausführlicher beschrieben), in der auch seine

schriftstellerische, dichterische Produktivität

überbordend aufblühte. Den Höhepunkt dieser enorm produktiven Zeit bildete für ihn die Würdigung seiner Novelle "Georgs Heimkehr" durch den - jüdischstämmigen - Romancier Alfred Döblin, der mit seinem Werk "Berlin Alexanderplatz" zum literarischen Chronisten jener Epoche geworden ist.  Döblin gab Kurt Müller den 3.

.

Preis beim "Nachwuchs"

-Literaturwettbewerb

der "Literarischen Welt". Viel Anerkennung erfuhr er danach auch von dem - ebenfalls jüdischstämmigen - Schriftsteller Stefan Zweig, dem er eine Novelle und Kurzgeschichten zur Beurteilung geschickt und mit dem er einen intensiven persönlichen Briefwechsel geführt hatte.
 
Das war seine Biografie, seine Identität bis dahin. Sein Milieu in jenen Jahren waren Literaten und Künstler, manchmal auch ein Hauch von Bohème mit z.T. exzentrischen Kontakten, und auf der anderen Seite war da -  in einem ähnlichen Künstler-Bürger- Antagonismus, wie ihn auch Thomas Mann immer wieder beschworen hat - die Welt seiner Familie, neu-bürgerlich im Spannungsfeld zwischen bäuerlichen Ursprüngen und einer gewissen Weltläufigkeit (gewachsen aus der herausragenden Persönlichkeit und dem großen geschäftlichen Erfolg seines

Großvaters

). Zu dieser bürgerlichen Welt gehörten auch die beiden

Berufsausbildungen

, als Bankkaufmann und als Versicherungskaufmann, die die Eltern durchgesetzt hatten, gegen seinen Wunsch und sogar gegen das intensive Drängen des Kunstlehrers, der mehrfach die Eltern aufsuchte und eine künstlerische Ausbildung für Kurt Müller erreichen wollte.

Ein weiterer wichtiger Teil seiner Welt waren seine Freunde im ausgeprägt

christlichen Milieu

. (v.a. durch den

"B

.

K

.

"

, den

"Bibelkreis Höherer Lehranstalten"

, siehe dort!). Zugleich aber - und das ist natürlich besonders aus heutiger Perspektive erwähnenswert - gab es viele Beziehungen und Bezüge in die jüdische Welt. In der großen Welt der deutschen Literatur spielten jüdische Deutsche ohnehin eine hervorgehobene Rolle. Die führende Literaturzeitung, die Kurt Müller seinen "dritten Preis" im Literaturwettbewerb zuerkannte, war die  "Literarische Welt", getragen von Prager Juden, gegründet von   

Willy Haas

, mit dem großen deutschen Schriftsteller

Alfred Döblin

("Berlin Alexanderplatz"), einem Juden, als Juror. Kurt Müller korrespondierte mit

Stefan Zweig

, auch einige heute noch berühmte, große Verlage waren jüdisch (u.a. Ullstein, S.Fischer), in deren Zeitschriften Kurt Müller publizierte.
 
Aber v.a. auch in Kurt Müllers engerer Welt persönlicher Beziehungen tauchten immer wieder jüdische Deutsche auf. Schon sein Großvater hatte als wichtigsten Geschäftspartner einen jüdischen Bankier, die Eltern verband die engste Freundschaft mit der aus Gütersloh stammenden jüdischen Familie Wolf. In seiner Gymnasialklasse und noch bis zum Ende der 20er Jahre war er gut befreundet mit dem Sohn des Elberfelder Oberrabbiners und späteren SED-Politbüromitglied

Albert

Norden

. Ebenfalls gut befreundet und durch gemeinsame literarische Interessen verbunden war er mit dem jungen Elberfelder Joseph Rosenthal (Besitzer eines Möbelgeschäfts), der ebenso in Auschwitz ermordet wurde wie drei der vier Töchter der Familie Wolf. Auch diese Menschen waren seine Welt.

TextGuintor.jpg

"

Nach dem 2. Weltkrieg habe ich dann erst erfahren, dass er Jude war. Er wollte von   den Deutschen nichts mehr wissen. Er war ein feiner Kerl.

"

Kurt Müller über den jüdischen Amerikaner

Gene Guintor

, einen Freund während des Jahres in den USA:

Kurt Müller durchlebte die Naziherrschaft, ohne äußerlich Schaden zu nehmen. Beruflich gelang ihm zunächst die schon seit 1932 angestrebte neue berufliche Orientierung. Er ließ den ungeliebten Beruf des Bank- und Versicherungskaufmanns hinter sich und fasste, als Berufsberater im Arbeitsamt, Fuß in einem Tätigkeitsbereich mit pädagogisch-psychologischer Aufgabenstellung, seinen Neigungen eher entsprechend, die sowohl in seiner - psychologisch geprägten - Schriftstellerei zum Ausdruck kamen als auch z.B. in seinen in den USA gehaltenen Vorträgen über deutsche Reformpädagogik oder in der Vielzahl psychologischer, v.a. psychoanalytischer Bücher in seiner privaten Bibliothek. Als später allerdings immer klarer wurde, was es für ihn bedeutete, unter der Naziherrschaft im Öffentlichen Dienst angestellt zu sein, wechselte er zum amerikanischen Autobauer Ford in Köln. Kurz darauf begann der Krieg; 1940 wurde auch er zum Kriegsdienst eingezogen, in eine Luftwaffen-Baukompanie, zusammengesetzt aus überwiegend "poltisch unzuverlässigen" Jahrgängen, die insgesamt eher wenig an Kampfhandlungen beteiligt war. Dort blieb er, bei zeitweiligen Unterbrechungen durch Flak-Einsätze, bis zum Ende des Krieges, aus dem er nach kurzer Gefangenschaft körperlich gesund zurückkehrte.

Stimmen diese Argumente, treffen sie die historische Realität? Haben wir das Recht dazu, uns aus sicherer Distanz derart leichtfertig verurteilend, moralisch stigmatisierend, psychologisch dämonisierend über die zu erheben, die - wie die Mehrheit der Deutschen - als kleine, genau so intellektuell beschränkte und ethisch ungefestigte Menschen wie wir selbst vor eine außergewöhnlich schwierige politische Aufgabe gestellt und ihr nicht gewachsen waren?  Heute erkennen wir die unerbittliche Logik der Destruktion, aber können wir behaupten, genau dieses eine alle Vorstellungskraft sprengende Ende sei auch für die Menschen von damals von vornherein absehbar gewesen, als Wegweiser in ihren Entscheidungskonflikten über Tun und Lassen im Spannungsfeld von privatem und politischem Handeln? Wenn wir heute ihr Handeln und ihre Motive zu verstehen versuchen, dann ist es dieses Ende, das uns unter einen Bewertungsdruck setzt, der uns in der Tat die Unbefangenheit und Ausgewogenheit des Urteils zu rauben droht. Wir entlasten uns, machen es uns leicht, indem wir unser ganzes Erschrecken und Unverständnis nicht wahrhaben und aushalten, sondern diesen Druck weiterreichen, ihn umwandeln in Empörung und, mit einem Zirkelschluss, einer Pseudoerklärung, das Abwegige und Schreckliche, das Böse den damals Lebenden als Motive, als Charaktermerkmale zuschreiben. Oft genug wissen wir noch viel zu wenig über das Leben zu jener Zeit, unterwerfen uns trotzdem dem Druck, Stellung zu beziehen, und retten uns, um dies zu können, in Notlösungen, greifen zurück auf Stereotype, Verallgemeinerungen und Unterstellungen, ohne uns über die Willkürlichkeit unserer Urteile Rechenschaft zu geben. Wir stehen unter Druck, auch noch den kleinsten individuellen Verfehlungen eine dem übergroßen Verbrechen proportionale Intentionalität und Schuld zuzuweisen. Auch Historiker erliegen nicht selten der darin enthaltenen opportunistischen Versuchung leicht verdienter Anerkennung. Dabei versagt gerade hier unser und auch ihr Wissen in besonderem Maß. Die Motive und Einstellungen der großen, der prominenten Täter mögen ausreichend durchleuchtet sein, wie aber das Räderwerk des Verbrechens und Versagens im Kleinen funktionierte, worauf es im Alltag gründete, dies verliert sich in der unendlichen Vielgestaltigkeit individueller Unterschiede der Persönlichkeit ebenso wie der Stellung und Funktion. Wenn wir an die Menschen unserer Gegenwart denken, ist es uns recht klar, wie lückenhaft nur umfassende Aussagen über ihre Motive und Einstellungen möglich sind, bei aller noch so großen Fülle der uns heute verfügbaren, z.B. demoskopischen Informationen, aber sind wir uns bewusst, wie viel weniger noch wir wissen über die Menschen jener Zeit und ihr Leben? Und je tiefer jene 12 Jahre in der Vergangenheit versinken, desto schwieriger wird es für uns, die Lebensumstände der damaligen Zeit zu verstehen und dem Handeln der Menschen jener Zeit gerecht zu werden, aber desto leichter auch glauben wir jenen willkürlich generalisierenden Aussagen, wenn sie nur mit einem genügenden Anstrich von Autorität daherkommen. Die implizit verwendeten Begründungsmuster sind dabei immer ähnlich: das eine ist der Rückschluss vom Ergebnis kollektiven Handelns auf das individuelle Motiv, das andere Muster ist die willkürliche Verallgemeinerung, d.h. vorhandenes Wissen über die Motive weniger oder auch vieler wird ausgedehnt auf die Mehrheit oder gar auf alle.
 
Wer ernsthaft versucht, etwas herauszufinden, etwas auszusagen über die Motive und Einstellungen der Menschen jener Jahre, wird schnell entdecken, wie schwierig dies ist. Er wird feststellen, wie wenig er - jenseits schneller Rückschlüsse aus dem wenigen Bekannten - wirklich weiß über die Lebensumstände, über die Menschen und ihren Erfahrungsrahmen, über die Vielfalt ihrer Sichtweisen, Motive und Handlungen. Und wenn er es wirklich wagt, sich die Frage zu stellen, wie er selbst gehandelt hätte, wird er merken, wie schwierig es ist, ins Gestrüpp der Unübersichtlichkeit hinabzusteigen, die Vogelperspektive unseres Überlegenheitswahns aufzugeben und uns in Demut unserer nur zu menschlichen Kleinheit und Beschränktheit zu besinnen. Aber nur dann gewinnen wir Augenmaß und Urteilsvermögen zurück, nur dann können wir uns aus der Fixierung auf das Monströs-Dämonische lösen und das auch damals wirkende, ganze Spektrum des Menschlichen wieder sehen, das Nebeneinander von menschlicher Schwäche und Stärke, Dummheit und Klugheit, Liebe und Hass, Niedertracht und Edelmut. Und nur so können wir zu richtigen und zu gerechten Bewertungen gelangen.

1933 begann die Nazizeit, von der wir heute wissen, wie sie endete. Wir blicken zurück auf eine ethische und physische Apokalypse, die 1933 ihren Lauf zu nehmen begann. Wer damals lebte, jedoch, hatte diese Erfahrung noch nicht zur Verfügung. Einzelne gab es zwar, die erstaunlich hellsichtig auf die "Machtergreifung" der Nationalsozialisten reagierten, nicht nur Nazigegner vom anderen Ende des politischen Spektrums, auch ein rechtskonservativer Antidemokrat (und Hitlerkenner) wie Ludendorff soll sich geradezu prophetisch geäußert haben. Aber die große Mehrheit der Klugen und der Dummen, der späteren Täter ebenso wie der späteren Opfer ahnte wenig vom Ausgang, und zwar trotz allem noch auf Jahre hinaus. Viele, unter ihnen Kurt Müller, bewerteten Hitlers "Machtergreifung" als große Katastrophe, sehr vielen war die Inhumanität, vielen auch die mörderische Kriminalität seines Regimes bewusst. Aber auch von ihnen vermochte die große Mehrzahl es nicht, die apokalyptischen, singulären Dimensionen von Auschwitz und Kriegsverwüstung auch nur annähernd vorherzusehen.


 
Genau dies jedoch wird ihnen heute, rückblickend, oft vorgeworfen bzw. abgefordert, mit Argumenten - z.B. mit Zitaten aus Hitlers "Mein Kampf" -, die nahezulegen scheinen, dass für Jeden, der seinen Kopf nicht mit Eifer in den Sand steckte, schon 1933 hätte klar sein müssen, dass am Ende jener Entwicklung Völkermord und Weltenbrand stehen mussten.

Bald allerdings musste er erkennen, dass auch sein Nachgeben keine substantielle Entlastung gebracht hatte. Man wollte immer mehr von ihm. Der Druck und die Umklammerung durch die kleinen örtlichen Nazigrößen ließen nicht nach, sondern nahmen sogar zu. Jetzt hatte er die Eingebung, fand, auch unter den Eindrücken der Pogromnacht, den Mut zu einer Lösung, zu der er vorher keinen Zugang gefunden hatte: er wand sich aus der Falle, verließ den Öffentlichen Dienst, die ihm so wichtige Berufsberatungstätigkeit und Kempen. Er kehrte in die eigentlich ungeliebten kaufmännischen Berufe zurück, indem er einen neuen Anfang machte bei Ford in Köln. Gleichzeitig hoffte er, mit diesen Schritt vielleicht einmal (ohne sich und seine Familie Gefahren aussetzen zu müssen) dem Gefängnis Nazideutschland in die USA entkommen und zugleich wieder an sein dort erlebtes schönes, freies Jahr (1930/31) anknüpfen zu können.
 
Dann aber begann der Krieg, der alle derartigen Hoffnungen und Pläne zunichte machte. Die Not, in die er durch den Krieg hineingeworfen wurde, wandelte Kurt Müller jetzt noch einmal um in literarischen Ausdruck, dort fand er zeitweilig seine Zuflucht.. Ab 1941 löste der existentielle Druck der Kriegserfahrung einen Schaffensschub aus mit etlichen ausdrucksstarken

Gedichten

und vielen

Briefen

, die für sein psychisches - und vielleicht auch physisches - Überleben damals wichtig oder gar notwendig waren und teilweise erhalten geblieben sind.  Doch selbst in diesen "unpolitischen" Briefen (offene politische Meinungsäußerungen, ob in Briefen oder in anderer Form, hätten damals ja Lebensgefahr bedeutet) wird der Druck der Anpassung an die von der Nazidiktatur brutal gesetzten Grenzen - d.h. hier: durch die Briefzensur - deutlich spürbar, nachdem Kurt Müller vorher schon die umfassende nationalsozialistische Durchseuchung des Alltagslebens, die ihm  tief zuwider war, und den Druck, trotzdem "mit den Wölfen zu heulen", hatte aushalten müssen. Die subtilen Wirkungen dieses schleichenden, 12 lange Jahre anhaltenden Prozesses der Unterwerfung unter die Zwänge der Naziherrschaft können wir heute kaum noch in ihrer Tiefe und Tragweite ermessen. Wer, der nicht emigriert war, konnte sich ganz einer Art schleichender Vergiftung entziehen? Marion Dönhoff, selbst am Widerstand beteiligt (und immer eine Kämpferin gegen verflachendes ahistorisches Denken) brachte sie auf die Formel: "Terror und Erfolg". Die Angst-Peitsche und das narzisstische Zuckerbrot waren geeignet, gerade bei Nicht-Nazis eine Dynamik zu fördern, die nicht weit entfernt war vom "Stockholm-Syndrom", in dem bei Geiseln ein Prozess der Identifikation mit ihren Unterdrückern einsetzt.
 
Sofort nach dem Krieg befreite Kurt Müller sich von diesem Druck und saugte noch einmal mit der Gier des fast Verhungerten alles in sich auf, was an wiedererblühender Literatur und Essayistik in den allerersten Nachkriegsjahren erschien. Auch wenn er danach nicht mehr zu eigener neuer schöpferischer Aktivität auf literarischem Feld fand, blieb ihm sein unstillbarer Lesehunger zeitlebens erhalten, als ein intensives Miterleben und Nacherleben. Lesen war und blieb seine größte Glücksquelle. Sein aktives Leben, sein Schaffen jedoch vollzogen sich jetzt auf anderen Feldern, die elementare Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit ergriff auch ihn und bildete quasi die Initialzündung für ein neues, ein zweites Leben, aktiv, gestaltend, wenn auch nicht mehr auf künstlerischem Gebiet.

 

Dieser Schritt geschah zwar unter großem Druck und ging nicht über den formalen Akt hinaus. Kurt Müller ist, außer der Mitgliedschaft als solcher, niemals im Sinn der Nazipartei aktiv geworden und hat niemals deren Einstellungen geteilt. Im Gegenteil, er blieb in seinem Handeln zu allen Zeiten seinen Überzeugungen treu. Als deutliches und von seiner alten jüdischen Freundin Grete Wolf mir gegenüber mehrfach hervorgehobenes, bestätigtes Beispiel seien die Treue im Kontakt und der aktive Schutz genannt, ein Verhalten, das er die ganze Nazizeit hindurch u.a. der Familie Wolf gegenüber aufrechterhalten hat. Dennoch war der Parteibeitritt prägend, weil Kurt Müller ihn als große moralische Niederlage erlebte, als Menetekel der Selbstaufgabe, die zwar durch die Umstände erzwungen, aber nie mehr ungeschehen zu machen war.
 
Später warf er sich dafür nicht nur "Opportunismus", sondern auch "Feigheit" vor.  Die Wunde in seinem Integritäts- und Identitätsgefühl blieb; sein Leben lang bedrückte ihn der Zweifel daran, ob es für diesen Schritt der Unterwerfung wirklich eine hinreichende Rechtfertigung gegeben habe. Seine Parteimitgliedschaft hat er später nicht verheimlicht, nicht verteidigt und nicht für sein Verhalten um Verständnis geworben, sondern seinen Teil des großen Schuldkomplexes, der sich durch seine Parteimitgliedschaft an ihn zu heften schien, als eine seiner Bürden getragen, stets bereit, sein Handeln infragezustellen (siehe auch "

Ein paar kurze Sätze über meinen Vater

"). Und zumindest bleibt festzuhalten, dass Hauptantrieb dieses Handelns, wie auch immer es im Übrigen zu bewerten sein mag, die Verantwortung für andere Menschen war, für die er sorgen zu müssen glaubte, das waren seine Mutter und auch bereits seine Frau, die vermutlich zu diesem Zeitpunkt schon schwanger war und später, an jenem 9. November 1938, dem Tag der "Kristallnacht", eine Fehlgeburt erlitt.

gw1kl
"... besuchten wir auch   Ihre  lb.  Großmutter
& ich denke oft daran zurück. Sie war solch
eine liebe Frau & so tüchtig. Sie & Ihr Vater
blieben uns treu trotz Hitler."
Grete Wolf
1983 in Briefen an Kurt Müller jun.:
gw2kl

...................               .

"...wenn ich
in Elberfeld war, um meine Mutter
zu besuchen, kamen wir auch
immer zu Müllers, oder sie zu uns.
Ihren lb. Vater sah ich später nur
selten,  er    war  ja nicht mehr in
E., aber er hat seine Freundschaft
aufrecht erhalten, trotz der furcht-
baren Zeiten & er sowie seine
Mutter haben es nicht unterlas-
sen mit uns in Verbindung
zu sein, so nahe standen die
beiden Familien."

WolfGrete1978c

Links:


Grete Wolf,


verh. Ullman
ca. 1978
in den USA

Er selbst aber warf sich Opportunismus vor, weil er über eine einzige Entscheidung, seinen Parteibeitritt, nicht hinwegkam. In der Tat, auch Kurt Müller beugte sich in einer kritischen, bedrängten Lebenssituation, was ihn immer bedrücken sollte, der Atmosphäre des Terrors, die auf eine - hier ist das Wort angebracht - diabolische Weise mit der Euphorie, heute würde man sagen: dem Hype des Erfolgs verschmolz, wie Marion Dönhoff einmal die Durchsetzungskraft des Naziregimes analysierte.

 

Diese Schilderung erfasst allerdings nur die Oberfläche. Aus der Nähe betrachtet, sieht Vieles anders aus, dazu gehören nicht nur die zeitweise dramatischen und bedrückenden Kriegserfahrungen. Aus der Nahsicht ist der destruktive Stempel zu erkennen, den die gesamte 12jährige Nazizeit auch in seinem Leben hinterließ. Als sie zuende war, war auch er ein Anderer geworden.
 
Verschwunden blieb auch nach dem Ende der Nazizeit nicht zuletzt die (in seinem späteren Bekanntenkreis weitgehend unbekannte) schriftstellerische, künstlerische Identität seiner frühen Jahre (siehe

Bericht über die 20er Jahre

), die über jugendliche Versuche weit hinaus ging. Diese Identität  ging in den 30er Jahren unter und trat später, abgesehen von seinen

Kriegsgedichten

, nach außen nicht mehr in Erscheinung. Die Naziherrschaft, das große deutsche Joch des 20.Jahrhunderts, teilt wie ein Keil auch seinen Lebenslauf in der Mitte seiner produktiven Jahre.

Mit der Versetzung vom liberalen Mönchengladbacher Arbeitsamt an das kleine, von Nazis dominierte

Arbeitsamt Kempen/Niederrhein

fand Kurt Müller sich unversehens wieder mitten im inoffiziellen Stützpunkt der Kempener SA. Als solche und damit auch als die Brutstätte, die Löwenhöhle des militanten Kerns der örtlichen Nationalsozialisten fungierte tatsächlich, so unwahrscheinlich es auch erscheinen mag, genau dieses Arbeitsamt. Diese Beurteilung wurde in jüngster Zeit durch die

Forschungen des Historikers Hans Kaiser

(u.a.: "Kempen unterm Hakenkreuz") nachdrücklich bestätigt.
 
In diesem Milieu (siehe auch

hier

), in dem Kurt Müller der einzige wichtige "Fremdkörper" war, geriet er schnell in den Fokus der Aufmerksamkeit von Vorgesetzten und einflussreichen Kollegen, die einen rapide zunehmenden Druck auf ihn ausübten, ihm den Parteibeitritt nahelegten, ihn "gleichschalten" und in ihr Lager ziehen wollten, auch aufgrund seiner - ihnen fehlenden - fachlichen Reputation und seiner persönlichen Beliebtheit. Auch wenn die Botschaft: "wer nicht für uns ist, ist gegen uns" im Nazireich keineswegs allgemeine Gültigkeit hatte, hier jedoch wurde sie zur realen Drohkulisse. Kurt Müller war kein ängstlicher Mensch, aber er wusste, wie angreifbar er aufgrund seiner Kontakte zu Regimegegnern aller Couleurs und zu Juden, aufgrund der von ihm selbst immer wieder gemachten Äußerungen und seiner eigenen politischen und intellektuellen, u.a. schriftstellerischen Vegangenheit war. Die Auswirkungen einer möglichen weiteren Eskalation dieses Konflikts erschienen unberechenbar, Kurt Müller fühlte sich existentiell gefährdet, Um dem sich um ihn schließenden Ring lauernder Beobachtung zu entkommen, schien zu jenem Zeitpunkt nur noch der Parteieintritt den Sprung ans rettende Ufer möglich zu machen. Er gab also schließlich nach und wurde nach jahrelangem Sträuben doch noch Mitglied der Nazipartei.

 
 

Kurt Müller sen.

geboren am 8. August 1904 in Elberfeld
gestorben am 23. Dezember 1982 in Gütersloh
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Leben unter der Naziherrschaft

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Die Nazijahre und ihre Folgen in Kurt Müllers Biografie

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Familiengeschichte Müller - Humphreys