Fünf Jahre später, nach dem Ende des Krieges, war Revolutionszeit. Sie übte eine aufwühlende und aufstachelnde Wirkung auf den 15jährigen aus, der, ohne sich konkret einer politischen Gruppierung angeschlossen zu haben, mit den linksdemokratischen Kräften sympathisierte und zur Sorge und zum Ärger seiner Mutter überall an den Brennpunkten des Geschehens in Elberfeld dabei war. Zusammen mit seinem Freund und Klassenkameraden Albert Norden trug er die rote Fahne der Kommunisten vor deren Aufmarschgruppen her. Norden, Sohn des Elberfelder Oberrabbiners, der später in der DDR Mitglied des höchsten Staatsorgans, des Staatsrats, sowie als Zuständiger für "Agitation“ auch Mitglied des innersten Machtzentrums, des Politbüros der SED, wurde, hatte sich schon damals für die Kommunistische Partei entschieden; seinem Freund Kurt aber sagte er voraus, er werde nie ein guter Kommunist werden, dafür habe er nicht die richtige Disziplin.

Auch wenn Kurt Müller zu Beginn des 1. Weltkrieges erst ein Kind von gerade 10 Jahren war, erinnerte er sich auch Jahrzehnte später noch gut an den Moment des Kriegsausbruchs. Er selbst, seine Mutter und sein Vater hätten sich gerade in einem Elberfelder Blumenladen aufgehalten, als die Nachricht kam; er wusste noch genau, was sein Vater daraufhin gesagt hatte: "Das geht nicht gut! Aber das dauert nicht lange. Die haben heute so moderne Waffen... " (was der damals vorherrschenden Meinung entsprach, "moderne" Kriege könnten sich aufgrund der Entwicklung der Waffentechnik nicht mehr wie früher jahrelang hinziehen). Es ging nicht gut und dauerte lange, und auch Emils eigenes Leben sollte durch den Krieg bedrückende, nie wieder gutzumachende Wendungen erfahren.

Für die KPD (gegründet 1.1.1919) war er also quasi verloren. Eine wichtige Station seiner Entwicklung­ dagegen­ war der "BK", der evangelische "Bibelkreis höherer Lehranstalten", wo er eine­Schar hochherziger Freunde fand, u.a. den späteren Pfarrer Hanns Mantz, Hans Döhrn und den an unheilbarem Muskelschwund leidenden und dennoch für die andern in eine fast charismatische Rolle hineinwachsenden Hermann Thews. Behütet und begleitet auf ihrem Weg wurde diese Gruppe Jugendlicher von einer kleinen Zahl erheblich älterer junger Frauen: von Lene Mantz, dem "Engel" des Bibelkreises, von Gertrud Thews und von zwei Töchtern der jüdischen Familie Wolf (alter Freunde der Müllers), nämlich Grete Wolf, die später in die USA entkam, und Lene, deren Leben in Auschwitz endete. Zuhause fühlte Kurt sich auch in der Wandervogelbewegung, und zwar, das betonte er, nicht bei deren traditionalistischen Vertretern, sondern auf dem neuen demokratisch-linken Flügel. Seine eigentliche geistige Heimat aber wurden in den 20er Jahren, jener künstlerisch und literarisch elektrisierenden Aufbruchszeit, Kunst und Literatur, die mehr und mehr ganz im Mittelpunkt seines Lebens standen. Schon Ende 1919, als 15jähriger, sog er die neue Literatur jener Zeit in sich auf und stand ganz im Bann ihrer Dispute.

Ein Erlebnis blieb besonders in seiner Erinnerung haften, nämlich das Erscheinen von Hermann Hesses Roman "Demian" und was davon ausgelöst wurde. Der Entwicklungsroman, den Hesse zunächst unter dem Pseudonym "Emil Sinclair" veröffentlichte, war die literarische Sensation des Jahres 1919 und löste eine Explosion heftigster Reaktionen v.a. unter jüngeren Lesern aus, hymnische Kritiken (Fontanepreis für den Autor "Sinclair"), aber auch enorme Anfeindungen, und ist bis heute umstritten. Auf die Anfeindungen hin schrieb der 15jährige Kurt Müller einen flammenden Leserbrief - wohl an die "Neue Rundschau", das Forum für den "Demian" -, in dem er die Anschuldigungen gegen "Sinclair" zurückwies und seine eigene Interpretation des Romans darlegte. Bald darauf äußerte sich Hesse, nachdem er sich im Laufe des Jahres 1920 als Autor zu erkennen gegeben hatte, im gleichen Forum seinerseits zur Diskussion über sein Buch und nannte ausdrücklich jenen Leserbrief des jugendlichen Kurt Müller als diejenige Interpretation seines Werkes, die seine eigenen Intentionen am besten wiedergespiegelt habe!

Bis zum Jahr 1921 blieb Kurt Müller noch Schüler am Elberfelder Realgymnasium, dann nahm er, in einer Aufwallung rebellischen Stolzes, zwei Jahre vor dem Abitur wegen eines eskalierten Konflikts mit einem Teil der Lehrerschaft Abschied von der Schule. Der Kunstlehrer besuchte daraufhin die Eltern und bat sie eindringlich, Kurt die Kunsthochschule besuchen zu lassen. Sie lehnten ab; Kurt sollte einen soliden Beruf erlernen. Leider sind - nach den Zerstörungen seiner eigenen und seiner elterlichen Wohnungen im 2.Weltkrieg - nur ein paar seiner Zeichnungen aus jenen Jahren noch erhalten; dabei hielt er selbst immer die Kunst, v.a. das Zeichnen für seine größte Begabung.

Die größeren Erfolge jedoch entwickelten sich in den kommenden Jahren auf literarischem Gebiet. Kaum jemand, der ihn erst nach dem 2.Weltkrieg kennenlernte, erfuhr davon, wusste davon. Nazizeit und Krieg bildeten eine

Zäsur

, danach galten andere Prioritäten, er lebte von da an ganz für die Familie. Vorher aber, v.a. in der zweiten Hälfte der 20er Jahre, war er ein Anderer gewesen. In diesen Jahren erlebte er eine erstaunliche Schaffensexplosion, schrieb Gedichte, Kurzgeschichten und v.a. Novellen, kürzere Novellen, längere Novellen. Viele wurden veröffentlicht, nicht in Buchform zwar, aber deutschlandweit in renommierten Zeitschriften und Zeitungen.

Den Höhepunkt dieser Entwicklung des jungen Kurt Müller bildete im März 1927 ein großer Erfolg, die Prämiierung seiner Novelle

"

GEORGS HEIMKEHR"

im Nachwuchsliteratur-Wettbewerb

der

deutschen Literaturzeitung jener Jahre, der legendären "

Literarische Welt"

, herausgegeben von

Willy Haas

.

 Alleiniger Juror war der Autor von "Berlin Alexanderplatz und anderer großer Romane,

Alfred Döblin

. Er plazierte den damals erst 22jährigen Kurt Müller für "GEORGS HEIMKEHR auf einen erstaunlichen dritten Rang, und dies unter sämtlich älteren, heute noch bekannten Autoren wie

Martin Beheim-Schwarzbach

,

Mela Hartwig

und

Anton Betzner

. Döblins vollständiger

Artikel

- Dateiumfang: ca. 150 kb - ist

hier

zu finden.

Anschließend folgte eine Zeit wachsenden Interesses von Lesern ebenso wie von Verlagen an dem Autor Kurt Müller. Er konnte eine Reihe seiner Novellen publizieren, in einigen, heute z.T. legendären Kulturzeitschriften ("Der Querschnitt", "Die Dame") wie auch in großen Tageszeitungen (u.a. Danziger Nachrichten, Leipziger Nachrichten).

KEMJugendbewggExz.jpg
Wandervogelzeit (links: Kurt Müller)
KEMPortrtUhrkette.jpg
Kurt Müller ca. 1925
Federz1e.jpg

Federzeichnung
von Kurt Müller,
um 1920

FragmentTitel.jpg

Für die anspruchsvolle "Zeitschrift für schöpferische Kritik“, herausgegeben 1924 vom noch 19jährigen Kurt Müller, wurde leider der Name zum Omen:
&dbquo;DAS FRAGMENT“.

LitWKerntext1h
FragmentImpressum
KEMMaexchenBalkon
Kurt Müller
ca. 1927 mit Mäxchen
<<
eine Seite zurück
<<
 
 
UnterschriftGruen.jpg
geboren am 8. August 1904 in Elberfeld
gestorben am 23. Dezember 1982 in
Portraet2.jpg
Familiengeschichte Müller - Humphreys

Aufbruchsjahre 1919 bis 1929

Kurt Müller

(senior)

 
<<
eine Seite zurück
<<
 
>>
Zur nächsten Seite
>>
 

Aufbruchszeit 20er Jahre

>>
Zur nächsten Seite
>>
 
©   Kurt Müller 2006
UK-Flagge.gif
FlaggeBRDklein.jpg
UK-Flagge.gif
FlaggeBRDklein.jpg
Homepage auf
Deutsch
 
UK-Flagge.gif
UK-Flagge.gif
UK-Flagge.gif
US-Flagge.gif
Homepage in
English
 
       Startseite
       Kurt Müller sen.
Portraet2.jpg
 

Etwas von der großen Bedeutung, die die Literatur für Kurt Müller in jenen Jahren zwischen 1919 und 1933 bekam und - unter veränderten Vorzeichen -  sein Leben lang behielt, kann vielleicht das unter dem folgenden Link abrufbare Tondokument ein wenig spürbar machen:

Kurt Müller senior rezitiert das Gedicht "Enfant Perdu" von Heinrich Heine, hier bitte anklicken!

 

Aus dieser Zeit stammt die Anekdote, dass von einem der Verlage auf Leseranfragen hin ein Foto des Autors zum Abdruck erbeten wurde. Dieser Verlag war Kurt Müller wahrscheinlich nicht anspruchsvoll genug oder aber zu konservativ. Er fühlte sich jedenfalls herausgefordert und "verscherzte" sich flugs seine Chancen bei diesem Verlag. Er schickte ein paar freche Sätze und ein Foto, auf dem aber nicht er selbst abgebildet war, sondern einer seiner besten Freunde: Mäxchen, sein Rehpinscher, der ihn überall hin begleitete, oft gut versteckt unter seinem Jacket, von wo aus unvermutet urplötzlich mit lautem Hunde-Halali hervorschießend er jeden, der den beiden zu nahe trat, dem Risiko eines akuten Herzstillstandes aussetzte.