Kurt Müller

(senior)

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geboren am 8. August 1904 in Elberfeld
gestorben am 23. Dezember 1982 in
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Familiengeschichte Müller - Humphreys
 
©   Kurt Müller 2014
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Amerika 1930 - 1931

 
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Das Antlitz.

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Pennsylvanische Landschaft

Amerika!

 
      Der Ritter reitet hier auf einem Traktor über das Land. Der Bergfried ist zur Zeit das Empire-State-Building in New York. Und die von immensen Reichtümern erfüllte Schatzkammer befindet sich seltsamerweise in einem kleinen, altbürgerlich anmutenden Hause der Wallstreet.
 
    Weiter werden die Täler und niedriger die Berge. Flach liegt das Land, aber hoch. Die Felder liegen weiß bestäubt, an den Rändern hohe Schneewehen. Dörfer? Nein, kleine und kleinste Städtchen. Eine Hauptstraße mit hässlichen roten und altersbraunen Ziegelbauten. Langweilig und erdrückend, nur unterbrochen von der grellen Schaufensterpracht einer Woolworth-Filiale. Die Stadtmitte eine Kreuzung mit Verkehrsampel und Richtungsweiser auf runder Holzpyramide. 180 Meilen bis Buffalo! 9 Meilen bis Elmira! Weiter! Land und Landschaft! Weiß und sauber streckt sich das cementene Band gegen den Himmel. Vereinzelt zuerst und dann immer häufiger erscheinen seltsame Gebilde, Konstruktionen in Holz an den Rändern der Straße. Gestrichen in grauem, eisernem Ton, dem Aussehen nach die auf 2 Meter verkleinerten Sendemaste einer drahtlosen Station, erregen sie durch die Regelmäßigkeit ihres Erscheinens und die Aufdringlichkeit ihrer Anzahl Neugier und schüchterne Frage des Grünhorns.

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Eisenbahn in Pennsylvania
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Bahnstrecke in Pennsylvania
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     Jim's Hand gleitet mit einer zärtlichen Bewegung über das Steuerrad. "Great, old fellow!" Jim ist stolz auf seinen Wagen. Jim ist amerikanischer Student.
 
     Vor der Windschutzscheibe breitet sich weites hügeliges Land. Die Eifel, wieder ein Teil deutscher Landschaft. Aber dies ist zu weit, zu groß. Ich bin fremder hier als im Tale. Die naheliegenden Felder und Wiesen zaubert langsam aufkommender Nebel zu einer riesigen grün-braunen Hochebene. Der runde, hölzerne Getreidebehälter einer Farm --- Buffalo-Farm lese ich groß --- erhebt sich in seinem rostbraunen Anstrich als ein riesiger Bergfried, die Stall- und Maschinenschuppen strecken sich als Mauern und Wehrgänge mit Schießlöchern in den Nebel. Vorbei!

                 Was das ist? Gas, mein Junge, Gas! Hier ist Gas gebohrt worden. Vor 8 Wochen erst hat man hier Gas gefunden und gleich das größte Gasvorkommen östlich des Mississippi. Dreißig oder wieviel Millionen Kubikfuß! Mein Führer, Jim, der amerikanische Student, weiß, dass es genug ist für die nächsten 27 Jahre.

 
      Und diese Holzkonstruktionen, die uns schon seit einer halben Stunde am Straßensaume begleiten? Nun, das ist Reklame! Das sind Bohrtürme "en miniature", die dem Autofahrer sagen, wie reich hier das Land ist. Wieviel Geld in diesem boden und der Farblosigkeit des Naturgases steckt. Sie rufen dir zu: komme hierhin, kaufe dir einen Acker und bohre! Bohre Gas! Unser Land trägt die Zukunft deiner Kinder und deines Scheckkontos! Doch gleichzeitig ist es ein Zeichen überschuldeter Farmer und naiver Bauernschläue. Denn endlich hat man eine Gelegenheit, einen wertlosen Acker gegen eine verhältnismäßig gute Abfindung oder prozentuale Beteiligung im Falle eines Gasvorkommens zu verkaufen.
 
       Links vor uns, mitten im Felde, dessen so morastige Tiefe den Schnee befleckt und auffrisst, erhebt sich der erste Bohrturm in hellschimmerndem Holz. Kein Mensch, kein Leben ist zu bemerken, nur aus dem roh und dürftig zusammengehauenen Holzverschlag steigt bläulicher Rauch und Lärm eines Ölmotors. Etwas weiter entfernt, auch zu unserer Linken, die Konstruktion eines anderen. Und dann später, als sich hinter dem die Kurve und die Aussicht bedeckenden Hügel breit und ausladend die Landschaft entfaltet und heute zum ersten Mal die Sonne durch niedrige, graue Aprilwolken schnelle und glitzernde Streifen über das weiß und braun gefleckte Land gleiten lässt, da liegen sie alle vor mir  fünf  acht  zwölf  und mehr Türme.  Hell heben sie sich ab vom Braun und Grau der Wälder und des Himmels. Das Auge gewöhnt sich an ihre Erscheinung, und ich sehe sie, zart und zierlich, wie leicht zu zerbrechende Gebilde eines Kindes, die bewaldeten Hänge hinaufsteigen und gegen den Horizont verschwinden. Jim, mein Freund, stoppt seinen Wagen ab, und mit einer langsamen, vorsichtigen Linkswendung verlassen wir die cementene Vollkommenheit der Straße und befinden uns bald in dem bis zu den Achsen reichenden Morast eines Landweges. Es ist der Zufahrtsweg einer Bohrstelle.

 

    Auf kleinem, sumpfigem Plateau ruhen sich die Pferde für die letzte Steile aus. Knietief stehen sie im Schlamm. Ihre glänzenden Leiber dampfen. Unser Sachverständiger weist flüchtig mit dem Peitschenend auf den vor uns liegenden Bohrturm: "Die finden nicht viel! Die sind schon bald durch den Sand! Wie tief? Oh, ungefähr dreitausend Fuß. Wenn sie in den Sand kommen, dann gibt es nicht mehr viel. Da hat es mal gestern ein wenig gerauscht, und irgendein goddamn' guy hat seine Nase mal über das Loch gehalten, und da meinen sie, man könnte es mit größeren Bohrern machen. Die stoßen nicht so viel Gas an, um die Bohrer bezahlen zu können."
 
 
Umständlich kramt er eine Hand voll Tabak aus den tiefen Taschen seines Overalls und warf ihn schnell und geschickt, ohne nur ein Blättchen zu verlieren, in den Mund. Breitbeinig und schwer steht er vor seinen Gäulen, kaut mit schweren Kiefern, rollt und durchfeuchtet den Tabak mit der Zunge und schiebt ihn dann geruhsam in die Backentasche. Er spricht in der langsamen und ruhigen Art des Amerikaners aus den Südstaaten, meine Sprache, in der sich Landschaft und Sonne und die stillen einsamen Abende auf den langgestreckten Veranden der Prairiefarmen noch nicht verloren hatten. Er erzählt uns, dass seit der Feststellung des ersten Gasvorkommens inzwischen mehr als vierzig Bohrungen, mehr als vierizig hölzerne Türme in einem Umkreis von einigen Quadratmeilen begonnen und errichtet worden waren. Oh ja, man war auch auf Gas gestoßen, in tausend bis viertausend Fuß Tiefe. Aber es war nicht genug! Es lohnte sich nicht! Da hatte man raffinierte Messapparate erfunden, die aus dem Druck die Menge des vorhandenen Gases weissagten. "Smart boys, diese Ingenieure!" Aber dann glaubten sie dem Teufelsinstrument nicht und versuchten es mit größeren Bohrern. Ein Glück, dass hier nicht mit dem richtigen Bohrer gearbeitet wird, sondern nur mit dem Rammstab. Nein, wir bohren nicht, wiir rammen. Das ist billiger. Wir rammen die Stahlwelle bis zu fünf tausend Fuß tief, wenn es sein muss. Man darf sie nur nicht dabei verlieren. Da drüben, auf der anderen Seite, wo der Felsbruch ist  -- die Pferde können nur zweimal am Tage den Weg machen  da drüben in dem Susquehenna-Bohrloch hat man vor einigen Tagen einen Bohrer verloren. Achtzehn Stunden haben sie in dem Loch herumgefischt, ehe sie ihn erwischt hatten, achtzehn Stunden, und dann fanden sie ihn in achtundzwanzighundert Fuß Tiefe."


"Well, well", vierzig Bohrungen und nur ein Erfolg, das ist kein "business". Unser Sachverständiger schüttelt geringschätzig seinen Kopf. Da kommen sie und stecken all das Geld, das sie haben, in einen Acker, um reich zu werden.  Und nur einer ist unter den vierzig  nein, unter den hundert die noch bohren werden     nur einer, der das Glück hat, Naturgas anzustoßen, der in dem tausend Quadratmeilen großen Land die hundert Quadratfuß große Stelle findet,  auf der die Vorsehung ihn bestimmt hat seinen Turm zu errichten, seinen Holzverschlag und den Olmotor aufzustellen und die Erdkruste erfolgreich zu durch-dringen. N u r  E i n e r! Und dieser Eine ist arm, mit Schulden überhäuft, von den Banken bedrängt und nicht in der Lage die notwendigen Fernleitungen und Konstruktionen zu finanzieren. Und da kommt eines Tages ein Automobil die Straße herauf, mit einigen Herren und Aktentaschen und einem großen Scheckbuch. Die sprechen und verhandeln freundlich mit dem Mann, dem das Gas gehört und der doch so arm ist. Sie wissen ganz genau und rechnen ihm vor, dass er in den nächsten Tagen seine Schulden bezahlen muss, dass die Banken den Kredit gekün- digt haben und andere Gläubiger bereits mit Pfändung drohen. Diese Herren mit den Aktentaschen sind allwissend. Sie wissen mehr, als der mann, dem das Gas gehört. Sie prophezeien ihm mit unerbittlicher Sicherheit den Tag der Pfändung und Versteigerung. Doch in ihren Augen ist nichts von der inneren Besessenheit eines Propheten, sondern in freundlicher Sachlichkeit wedeln sie mit den Scheckbüchern wie die Hunde mit dem Schwanz. Und zuletzt, wenn sie sich einig geworden sind -----  u n d     s i e  w e r d e n   s i c h   i m m e r   e i n i g  -----  hauen sie dem Mann, dem das  e i n m a l  g e h ö r t e ,  auf die Schulter und mit großem "Hello" und Shakehand besteigen sie wieder das Auto und verschwinden.
 

                      "Und wem gehört denn jetzt jene Quelle, jene einzig Gewinnbringende, die größte östlich  des Mississippi und deren Druck eine siebenundzwanzigjährige Ausbeute vermuten lässt?" frage ich unseren Sachverständigen.

 
              Da verändert sich etwas mit diesem Manne. Er verliert seine saloppe Haltung. Die Muskeln spannen sich und der Körper strafft sich aus den hohen Gummistiefeln. Und doch ist um seine bärtigen Kippen ein verhaltenes Lächeln, ein wenig heimliche Ironie und verbotener Sarkasmus. Und während die blauen Augen wie in Ehrfurcht und Bewunderung sich vergrößern und dann zuletzt nur noch träumerisch über die weiten Linien der Berge und die Ebene des Tales streifen, erwidert er leise: "Standard Oil!"
 
                    Als unser Wagen sich später dem Ausgang des Tales und der Grenze zwischen Pennsylvania und NewYork State nähert, sehe ich noch einmal über dieses Stückchen Erde, dessen tiefste und verborgenste Schätze erfasst und dem Menschen zu Nutze werden sollen. Die zerrissenen Aprilwolken formen sich zu einer riesenhaften Hand, zu der Klaue eines Raubvogels, die drohend und gefährlich sich über das Land senkt. Und plötzlich --- während Jim unsern Wagen frei und beschwingt über das freie Land fliegen lässt --- schiebt sich ein anderes Bild vor meine Augen. Es ist in mir und doch  eine Vision  zwischen mir und dem Hügel. Ein Kopf, ein riesenhafter Kopf, dessen Konturen unbestimmt, groß und flach den Himmel bedecken. Ein Kopf, der klein und kleiner wird, je schneller unser Wagen diesem Schatten entflieht. Aber seltsam  je kleiner dieser Kopf zu werden scheint, desto deutlicher und bestimmter treten die Züge und Linien diess Gesichtes hervor. Es ist das Antlitz eines alten Mannes. Um die hakige Nase spannt sich ledern und trocken die Haut und zieht sich um die blinzelnden Augen und die gepressten Lippen in tausend scharfen Falten zusammen. Es ist das Gesicht einer Mumie, die dem Glaskasten eines naturwissenschaftlichen Museums entsprungen ist.  
 
 
 
 

               "S t a n d a r d    O i l !"
 
                Es ist das Antlitz Rockefellers.
 
             .o-o-o-o-o-o-o-o-o.

        Das Turmgerüst erhebt sich in halber Höhe des Berghangs. Ein neuer, wilder Bach, rieseln und springen die angebohrten Quellwasser des Bohrloches die steile Zufahrt herunter und spielen und spritzen den aufwärtsstapfenden Gäulen um die zottigen Beine. Die sumpfigen Felder und steilen Hänmge des des Berges sind nur durch natürliche Pferdekräfte zu bezwingen. Schnaufend und mit Wolken weißen Schaumes vor den Nüstern zerren gerade zwei kräftige Pferde eine ungefähr zehn Meter lange Stahlwelle, einen Bohrer, den Berg hinauf. Vor ihnen, sie durch unartikulierte Zurufe und Peitsche aufmunternd, ein großer, braungebrannter Mann in hohen, bis zum Schritt reichenden Gummistiefeln. Wir entdecken in ihm den einzigen und wahren Sachverständigen für Bohrungen. Über fünfzig Jahre alt, ist er bereits in jungen Jahrenauf den Ölfeldern Mexicos und Texas' tätig gewesen, hat gearbeitet, Bohrer geschleppt, Türme errichtet, Unglücke erlitten und Menschen sterben gesehen. In Oklahoma hat das brennende Öl ihm die halbe Kopfhaut weggefressen, in Ohio erfreute er als Gasvergifteter monatelang ein Hospital. Jetzt ist er in Pennsylvania, arbeitet, schleppt Bohrer, errichtet Türme und erleidet Unglücke. Es ist sein Beruf. "My profession, that's all!" Er kratzt sich verlegen seinen Kopf.

Ununterbrochen klatscht der Regen auf das Segeltuchverdeck unseres Roadsters.  Central-Pennsylvania, Susquahenna-Trail. Der helle Cement schwingt sich in schönen Kurven durch das bergige Land. Wald, Wälder, jäh abstürzend mit den Bergen, enge Talkessel mit kristallklaren, fischreichen Bergwassern. Bilder des Ahrtals, herausgesägt aus der deutschen Landschaft und doch mit den Augen eines Fremden betrachtet. Manchmal auch strecken sich Höhen in sanftgeschwungenen, langen Linien weit in den Horizont.
 
      Langsam und stetig steigt die Straße an. Windung auf Windung. Ihre Anmut kostet Millionen, ihre Nüchternheit ist graziös. Schräg kleben die riesigen Reklamen am Berghang: Amoco-Gas! Texas-Oil! Esst kalifornische Früchte! Coca-Cola, der beste "soft-drink"! Lest seine Börsennotierungen! Und immer wider: der neue Buick 8! Sinclair-Oil! Ethyl! "One mile is what counts!" Was du verbrauchst in einer Meile, zeigt dir die Rentabilität unseres Benzins! - Die Steigung hält an. Links ein Zeichen: "2175 Fuß über dem Meere! 1000 Fuß weiter Brown Brothers Inn! Blick über die Berge!" Der Aprilwind wird merklich kälter. Durch den Regen kommen vereinzelte Schneeflocken. Minuten nur noch, dann sind wir oben mit zischendem Kühler.

(Fahrt zu den jüngsten Gasbohrungen in Pennsylvania.)

von Kurt Müller.